Zur Person
Jutta Croll ist Geschäftsführerin und Mitglied des Vorstands der Stiftung Digitale Chancen, einer gemeinnützigen Organisation unter der Schirmherrschaft des BMWi und des BMFSFJ.
Die Stiftung arbeitet an dem Ziel der Digitalen Integration von Bevölkerungsgruppen, die bei der Internetnutzung bisher unterrepräsentiert sind. Sie entwickelt Projekte und innovative Strategien zur Förderung der Medienkompetenz.
Jutta Croll hat von 1985 – 1990 an der Universität Göttingen Deutsche Literaturwissenschaft, Politikwissenschaften und Publizistik studiert und als Magistra Artium abgeschlossen. Sie ist als Wissenschaftlerin in verschiedenen Projekten zur Nutzung von Medien und Förderung der Medienkompetenz tätig und Mitglied verschiedener Projektbeiräte und Steuerungsgruppen auf deutscher und europäischer Ebene.
Aktuelle Publikation: Croll, Jutta / Weber Sven: Vorsicht Internet! Eltern haften für ihre Kinder. In: Kinder im Social Web. Qualität in der KinderMedienKultur. Nomos 2011.
Digitale Staatsbürgerschaft und die Verantwortung von Unternehmen
Am letzten Tag des IGF 2012 setzte sich die Debatte zwischen Jugendlichen, die für Meinungsfreiheit und gegen Kontrolle und übermäßige Schutzmaßnahmen plädierten und den Vertreterinnen und Vertretern von Jugendschutzorganisationen fort im Workshop Citizenship in the digital era - meeting the challenges, empowering children.
Digitale Staatsbürgerschaft, das klingt nach einem neuen Konzept, aber John Carr betonte, dass bestehende Verpflichtungen nicht dadurch entfallen, dass man sich im Internet bewegt.. Jugendliche dafür zu befähigen, mit den Risiken und Gefährdungen des Internet umgehen zu können, sei ein guter Ansatz für die Älteren, aber für jünger Kinder, so John Carr, müsse der SchutzVorrang haben, das Konzept der Medienkompetenz überdacht und entsprechende Vorgehensweisen entwickelt werden. In Großbritannien nutzen laut aktuellen Studien rund 30 % der Drei- bis Vierjährigen IPads oder Smartphones und sind damit im Internet unterwegs. Man kann nicht erwarten, dass Kinder dieser Altersgruppe die Konsequenzen ihrer Onlineaktivitäten durchschauen können.
Welche Rolle die Unternehmen spielen können, stand auf der Agenda des nächsten Workshops An industry lead approach for making internet a better place for kids Janice Richardson, Moderatorin in Vertretung der Europäischen Kommission erklärte, dass mit dem Wechsel des Programmnamens von "Safer Internet" zu "Making the Internet a better place for kids" auch neue Aspekte wie positive Internetinhalte für Kinder in den Blick genommen werden. Eine Vielzahl von Unternehmen hat in der so genannten CEO Coalition seit inzwischen mehr als einem Jahr hart daran gearbeitet, ihren Beitrag für ein besseres Internet für Kinder zu leisten. In der CEO Coalition hat sich eine Arbeitsgruppe mit so genannten parental control tools, d. h. technischen Instrumenten der elterlichen Kontrolle - wie Filterprogramme - befasst, während andere sich um effektive Maßnahmen zur Entfernung von Onlineinhalten, die Kindesmissbrauch zeigen, umaltergerechten Privatsphäreeinstellungen und Meldemöglichkeiten sowie die Kennzeichnung von Inhalten kümmerten. Die Panelteilnehmerinnen und -teilnehmer wurden erneut mit der Ablehnung von Filtern und Kontrollmechanismen durch die Vertreter der Jugendgruppen konfrontiert, hielten aber argumentativ dagegen. So erklärte Cornelia Kutterer from Microsoft Wir werden die Rechte von Kindern ebenso berücksichtigen wie das Recht auf freie Meinungsäußerung. Aber als Mutter von drei Kindern erhebe ich Anspruch auf mein Recht, diese Kinder zu erziehen und zu entscheiden, was für sie angemessen ist. Sie forderte, mehr Eltern in die Debatte einzubeziehen und wurde dabei von Sevinj Muradova, der Vertreterin des Aserbeidschanischen Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung unterstützt, die mehr Zusammenarbeit mit Eltern, Lehrern, Gemeinden und Sozialarbeitern forderte.
Veronica Donoso, als Vertreterin des EUkidsonline Netzwerks verlangte mehr Forschung und Evaluation der bisherigen Maßnahmen des Kinder- und Jugendschutzes im Internet, während Peter Matjasic (European Youth Forum) vollständige Transparenz, einfache Nutzungsbedingungen, Unterstützung der Nutzer und mehr Medienkompetenz forderte. Richard Allan von Facebook reagierte darauf mit der klaren Ansage, dass die Diensteanbieter es als ihre Aufgabe ansehen, die Plattformen ständig innovativ weiterzuentwickeln und schnelle Lösungen für die Bedürfnisse der Nutzer zu finden. Zum Schluss stimmten die Panelteilnehmer John Carr zu, dass kleine Unbequemlichkeiten die z. B. durch Zugangsbeschränkungen für Erwachseneninhalte verursacht werden, in Kauf genommen werden sollten, wenn man dadurch jüngere Kinder schützen kann.
Mehr Informationen unter www.intgovforum.org/
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Zwischen Selbstverteidigung und Schutzbedürfnis
Der dritte Tag des IGF 2012 begann mit einer lebhaften Debatte im Workshop Freedom of expression and freedom from hate online mit dem Untertitel 'Young People Combating Hate Speech Online'.
Jungen Menschen, die man heute oft als 'Digitale Natives' bezeichnet, wird unterstellt, dass es für sie keinen Unterschied gebe zwischen ihrem digitalen Leben und der Realität. Aber die Jugendlichen in diesem Workshop erklärten mehrheitlich, dass online und offline für sie nicht dasselbe sei. Sie beklagten, dass die Anonymität im Netz dazu beitrage, Extremismus und rassistische Inhalte zu verbreiten. Hassrede basiere oft auf einem unausgewogenen Kräfteverhältnis und gehe meist zu Lasten ohnehin benachteiligter gesellschaftlicher Gruppen.
Veronica Donoso von Child Focus in Belgien betonte, dass Hassrede sich zunehmend in der Gesellschaft verbreite, zum Beispiel nutzten rivalisierende Gruppen von Fußballfans das Internet als Plattform für ihre Auseinandersetzungen. Die Jugendlichen im Workshop stimmten dem zu und sagten, dass sich ein Maß an Toleranz für Hassrede entwickelt habe, das ihrer Ansicht nach nicht akzeptabel sei.
Thiago Tavares von SaferNet Brazil berichtete über mehr als 300 Neo-Nazi Zellen, die in Brasilien aktiv sind und das Internet für ihre Propaganda nutzen. Angesichts dessen bestehen berechtigte Bedenken, ob Jugendliche immer in der Lage sind zu durchschauen, dass auf diese Art und Weise ihre Online-Communities infiltriert werden. Gleichzeitig wurden im Workshop aber auch Stimmen laut, die Nazi-Webseiten als eine Möglichkeit betrachten, den Gegner zu erkennen und angemessen dagegen vorzugehen. Weitaus schwieriger ist es Extremismus und Rassismus zu identifizieren und zu bekämpfen, wenn Soziale Netzwerke als Propagandaplattform genutzt werden. Erneut wurde deshalb dafür plädiert, Jugendliche für das Erkennen und die Bewältigung derartiger Inhalte ebenso zu befähigen wie für die Wahrnehmung ihres Rechts auf freie Meinungsäußerung.
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Kinder- und Jugendmedienschutz: Neue Risiken, neue Instrumente, neue Heilmittel?
Gestützt auf die UN-Kinderrechtskonvention bezeichnen Jugendschutzorganisationen die Förderung der Widerstandsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen als Allheilmittel gegen Risiken und Gefährdungen im Internet
Am Vormittag des zweiten des IGF-Tags waren zwei Sessions dem Kinder- und Jugendmedienschutz im Internet gewidmet.
Mit Jacqueline Beauchere (Microsoft ), John Carr (eNACSO), Larry Magid (connectsafely.org), Richard Allan (facebook) und einer Vertreterin der GSMA diskutierte ein hochrangig besetztes Panel unter dem Vorsitz von Anjan Bose (ECPAT International) im Workshop 125 wie der innovative Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien dazu beitragen kann, den Kinder- und Jugendmedienschutz im Internet zu vereinfachen.
John Carr betonte, dass viele Eltern mit der Internettechnologien und der Medienerziehung ihrer Kinder überfordert seien und Unterstützung benötigen. Dies erinnert an die Ergebnisse des Youth Protection Roundtable, die im YPRT Toolkit dokumentiert sind. Am Youth Protection Roundtable diskutierten technische Experten und Service Anbieter mit Kinderrechtsvertretern über technische Unterstützung, die direkt in die Internetdienste integriert werden kann. Richard Allan bezeichnet dies als "micro education - Mikroerziehung" und meint damit einfache technische Instrumente, wie zum Beispiel Pop-up-Fenster mit Warnungen, online angebotene Erläuterungen oder notfalls auch eine 24-Stunden Sperre für Nutzerinnen und Nutzer, die sich nicht entsprechend der Vorgaben des Service-Anbieters verhalten. Diese eingebaute technische Unterstützung kann zur Medienerziehung von Kindern und Jugendlichen beitragen und auch das Gespräch zwischen Eltern und Kindern, über deren Onlineaktivitäten befördern.
Der zweite Workshop befasste sich mit der Frage, ob die UN-Kinderrechtskonvention den Anforderungen des Informationszeitalters noch gerecht wird.
Die Debatte wurde sehr kontrovers geführt, zum Beispiel im Bezug auf die US-amerikanische Gesetzgebung COPPA, die regelt, dass Jugendliche unter 13 Jahren Soziale Netzwerke wie facebook nicht nutz dürfen. Anlass der Kontroverse war das Statement der dreizehnjährigen Olivia aus Dänemark, die am Vortag übermäßige Schutzmaßnahmen ablehnte und forderte, selbst entscheiden zu können, welchen Risiken sie sich aussetze und welche Chancen sie nutze. An diesem Punkt wurde auch kritisiert, dass keine Jugendlichen auf dem Panel vertreten waren.
Das Panel und das Publikum waren sich einig, dass Kinder und Jugendliche, die über genügend Widerstandsfähigkeit verfügen, keine Extraportion Jugendschutz benötigen. Soziale Arbeit könne eine wesentliche Rolle dabei spielen, die Resilienz junger Menschen zu stärken, allerdings benötigten die Sozialarbeiter dafür entsprechende Qualifizierung. Die Forderung, das Wohl des Kindes zitiert nach § 18 UNCRC zur Grundlage erzieherischen Handelns von Eltern ebenso wie anderen Personen mit Erziehungsverantwortung zu machen, war das Fazit des Workshops.
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Salam, salam - Siebtes Internet Governance Forum in Baku, Aserbeidschan offiziell eröffnet
Internet Governance für nachhaltige menschliche, wirtschaftliche und soziale Entwicklung
Am Dienstagvormittag wurde das siebte Internet Governance Forum in Baku durch Wu Hongbo, Under Secretary General, Department of Economic and Social Affairs (UNDESA) in Vertretung des UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon und durch Hamadoun Touré, Generalsekretär der International Telecommunications Union (ITU) eröffnet. Rund 1.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus mehr als 150 Ländern sind zu der Veranstaltung angemeldet, weitere 1.000 Menschen nehmen zusätzlich über Online-Kanäle teil und bringen so ihre Positionen in die Diskussionen des IGF ein. Ein Blick in die Teilnehmerlisten zeigt den Erfolg des Multistakeholderansatzes.
Die Themen des IGF 2012 sind in einer Tagcloud abgebildet. Wie deutlich zu sehen ist, wird das Thema 'Privatsphäre' im Programm des IGF eine große Rolle spielen ebenso wie 'Breitband' und 'Zugang'. Auch wenn der Begriff 'child protection' - Kinder- und Jugendschutz nur in sehr kleinen Buchstaben gedruckt ist, darf man hoffen, dass die Prioritäten sich durch das Programm der nächsten Tage verändern werden. Die Spannung zwischen Kinder- und Jugendschutz einerseits und dem Recht auf freie Meinungsäußerung war jedenfalls bereits in einem der ersten Workshops mit dem Titel 'Empowering Internet Users - which tools? Zu deutsch: 'Durch welche Instrumente können die Nutzerinnen und Nutzer befähigt werden für einen sicheren und verantwortungsbewussten Umgang mit dem Internet' identifiziert als ein Thema, das gleichermaßen gekennzeichnet ist von Überreaktion und fehlender Ausgewogenheit. Eine Vielzahl von Kinderrechtsorganisationen und die Vertreterinnen und Vertreter der Projekte im Europäischen Safer Internet Programm werden ihre Positionen in die Workshops des IGF einbringen und so einen Beitrag dazu leisten, dass ihre Themen die hohe Relevanz auf der Agenda des Internet Governance erhalten, die ihnen zukommt.
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Risiken begegnen, diese bewältigen und die Chancen nutzen, ist die Herausforderung für Kinder und Jugendliche in einer von Medien geprägten Lebenswelt. Erziehungsverantwortliche müssen die ihnen anvertrauten Kinder stark machen und sie beim sicheren und verantwortungsbewussten Umgang mit Medien unterstützen.