Tilmann Pritzens ist Sozialarbeiter und auf der Straße unterwegs. Er arbeitet bei Gangway e.V.[1], einem Berliner Träger für Straßensozialarbeit, und ist mit seinen Kolleg/innen in kleineren Teams pro Bezirk organisiert. Gibt es Probleme für Jugendliche und junge Erwachsene können sie sich an das Team wenden: Wohnung weg, Ausbildung, Schulden, Problemen mit Drogen, Arbeitssuche, Obdachlosigkeit u.v.m.; alles, was junge Menschen betrifft, die sich im öffentlichen Raum aufhalten.
Diese Arbeit lebt von dem Vertrauensverhältnis zwischen Streetworkern und Jugendlichen und legt den Kontakt von Angesicht zu Angesicht nahe. Das ist größtenteils auch so, aber verstärkt leben die Jugendlichen im Netz: sie chatten und sind in sozialen Netzwerken unterwegs [2], wo sie ihre Fragen klären wie auf der Straße auch. Deshalb sind manche Teams des Gangway e.V. online präsent: man kann sie über verschiedene Chats, in mehreren sozialen Netzwerken und per e-mail erreichen oder auf der Website direkt Fragen an sie stellen. Tilmann Pritzens ist mit seinem Team auf mehreren Ebenen im Netz aktiv und schildert im Interview die Gründe.
Bitte stelle Dich und Deine Arbeit im Netz vor: gibt es Unterschiede gegenüber den Teams bei Gangway, die bewußt nicht online sind? Wie seid ihr darauf gekommen mit und im Netz zu arbeiten?
Ich bin jetzt im 9. Jahr bei Gangway e.V. im Team Berlin-Marzahn und wir haben mit der Online-Arbeit 2007 angefangen, weil wir gemerkt haben, dass sehr viele Jugendliche bei Jappy [3] sind. Mein Kollege hat einen Account für unser Team angelegt, was anfangs überhaupt nicht meine Zustimmung gefunden hat; aber er hatte damit argumentiert, dass man viele der Jugendlichen, die man nicht mehr auf der Straße sieht, auf Jappy finden kann. Meine Abneigung liegt immer noch darin begründet, dass es bei diesem Netzwerk ein Credit-, also Belohnungssystem gibt, das die User unterschwellig animiert, auf der Plattform online zu bleiben. Es setzt stark auf Regionalisierung, hat keine internationalen Bezüge und ist m.E. nicht sehr bedienerfreundlich, da man sich mit HTML -Codes beschäftigen muss, um bspw. ein Foto zu posten. Andererseits spricht das wiederum für die meist jugendlichen Nutzer, die das Netzwerk teilweise perfekt beherrschen, sich die HTML-Codes einprägen und damit gut hantieren können.
Aber eine Abneigung, die Arbeit , die man sonst face-to-face macht, jetzt im Netz durchzuführen, gab es nicht?
Diese Abneigung gab es prinzipiell nicht. Unsere Grundhaltung ist immer noch, dass wir "webwork", so nennen wir unsere Arbeit im Internet, ergänzend zur klassischen Straßensozialarbeit gestalten: Streetwork bewegt sich in den Lebenswelten, wo Jugendliche sind. Somit war es für uns eine logische Konsequenz zu sagen: wenn sich Leute Identitäten, Profile und Lebenswelten virtueller Natur aufbauen, dann probieren wir es aus, uns ebenfalls dort zu bewegen. Aus der Erfahrung heraus, dass sich Jugendliche parallel zur normalen eine Online-Identität zugelegt haben, sind wir in weitere Netzwerke eingetreten wie MySpace [4] oder in Chats wie ICQ [5] und sind seitdem dort präsent.
Wie sehen die anderen, bewußt offline arbeitenden Teams eure Arbeit im Netz oder warum sind sie noch nicht im Internet aktiv?
Die Arbeit ist immer an den alltäglichen Anforderungen orientiert und manche Teams sprechen Zielgruppen in ihrem Bezirk an, die nicht so sehr online aktiv sind wie die unseres Bezirks. Die Jugendlichen sind evtl. in Chats aktiv, kommen aber bei Fragen direkt zu den Kolleg/innen, so dass für sie keine direkte Notwendigkeit besteht, online präsent zu sein. Ein anderer Grund kann die eigene, eher ablehnende Haltung sein, die Arbeit ins Netz auszuweiten - aber es kann aus meiner Sicht niemand dazu verdonnert werden, das funktioniert nicht. Zumal man sich dann auch nicht authentisch präsentiert. Nichtsdestotrotz denke ich, dass webwork langsam aber sicher eine Bedeutung annimmt, dass jemand, der sich den sozialen Netzwerken völlig verschließt, etwas verpasst.
Das Thema kommt in der sozialen Arbeit langsam an und ist in unserem Verein schon länger präsent: es gibt immer mehr Kolleg/innen, die Team-Accounts bspw. in Jappy haben, sie aber meist nicht so intensiv betreiben wie unser Team.
In welchen Netzwerken oder Chats seid ihr inzwischen als Team unterwegs?
Als Team haben wir Profile in Facebook, Twitter, Jappy, MySpace, Skype und Google Plus - in allen Communities, in welchen sich auch von uns betreute Jugendliche bewegen; aber es macht Sinn, darüber hinaus persönliche Accounts zu haben, weil die Jugendlichen dann genau wissen wen sie ansprechen. D.h. auf diesen Plattformen bin ich neben den Team-Auftritten mit einem persönlichen Arbeitsaccount vertreten, dazu noch in den Chats ICQ, MSN, Google Talk und Jabber (gmx-chat).
Mir ist die Erreichbarkeit wichtig. Die Leute sollen sehen, dass ich online bin und angeschrieben werden kann, das ist für mich ein niedrigschwelliges Beratungsangebot. Der größte Anteil an Beratungen und inhaltlicher Arbeit im Netz läuft inzwischen über Facebook. Die nahezu ganztägige Online-Verfügbarkeit ist seit 2 Jahren in unserem Team über Smartphones gegeben, die wir im Rahmen eines Pilotprojekts für Gangway angeschafft haben. D.h. wir sind neben unserer mobilen Arbeit auf der Straße in den Netzwerken vertreten und benutzten unterwegs in erster Linie die Chat-Kanäle. Das Pilotprojekt haben wir damals gestartet, als wir merkten, dass wir immer mehr Zeit vor dem Rechner - statt auf der Straße - verbrachten. Durch die Smartphones sind wir auch draußen online ansprechbar und verfügbar.
Wie kommt der Kontakt zu den Jugendlichen oder jungen Erwachsenen im Netz zustande?
Wenn Du im Netz oft sichtbar bist, spricht sich das bei Jugendlichen herum. Sie geben sich gegenseitig den Ratschlag, dieses Team oder den bestimmten Sozialarbeiter anzuschreiben. Wir haben im Team den Grundsatz, die Leute nicht aufzusuchen. Sie kommen zu uns und schicken uns Freundschaftsanfragen, wir wollen sie ja auch nicht nerven. Es ist ganz selten, dass ich Jugendlichen, die mir im Netz auffallen, Freundschaftsanfragen schreibe. Oft haben Jugendliche, mit denen wir es zu tun haben, schlechte Erfahrungen mit Sozialarbeitern gemacht oder wollen einfach keinen Kontakt mit uns; manche würden solche Freundschaftsangebote als Belästigung ansehen. Da halte ich mich komplett zurück. Umgekehrt propagiere ich v.a. im Streetwork-Bereich den Online-Kontakt, webwork, ergänzend zur klassischen Straßensozialarbeit zu betreiben, d.h. ganz viel deiner persönlichen Kontaktarbeit, Betreuung und Beratung harmoniert perfekt ergänzt durch webwork.
Die einzige Ausnahme ist es, so etwas wie Kontakt-Aufträge von Jugendlichen anzunehmen, die sich Sorgen um einen Freund machen und uns bitten, ihn anzuschreiben (was wir mit Verweis auf den Bekannten auch tun).
Kannst Du das Online-Angebot genauer fassen: ist es Online-Beratung? Ist es Betreuung, was ihr anbietet?
Unser Angebot umfasst eigentlich alles, was man sich vorstellen kann: es gibt Kurzberatungen, bei denen Jugendliche konkrete Fragen bspw. zu ihrer Wohnung und Mietzahlungen haben. Dann suche ich ihnen bei Bedarf z.B. per Smartphone die Ansprechpartner in Ämtern raus, die sie gesucht haben, damit ist es erledigt.
Ein Großteil der Online-Beratung läuft jedoch parallel zur sonstigen Einzelbegleitung. Sie läuft, weil mein Grundsatz in sozialen Netzwerken ist, dass ich die Leute kenne, mit denen ich befreundet bin oder sie zumindest zuordnen kann. Wenn also ein Jugendlicher eine Freundschaftsanfrage stellt, frage ich nach dem Hintergrund der Anfrage, oft ist es eine Empfehlung einer seiner Freunde. Ich möchte wissen, mit wem ich es zu tun habe, wer meine Postings lesen kann etc., was in der Regel ernst genommen wird, d.h. ich kenne die Leute und weiß, was sie beschäftigt.
Habt ihr es inzwischen geregelt, dass Online-Beratungen und webwork als Arbeitszeit gilt?
Das war von vornherein geregelt als klar wurde, dass wir die Arbeit auch online durchführen. Ergänzend zur normalen Arbeitszeit, auf der Strasse, kommt die Online-Präsenz, die sich auf Zeiten ausdehnen kann, in denen ich privat im Netz, aber trotzdem für die Jugendlichen ansprechbar bin, d.h. kommt es dort zu einem längeren Austausch, einer Beratung oder, wie es oft der Fall ist, einer Krisenberatung, zählen wir sie zur regulären Arbeitszeit hinzu.
Kommen wir nach 4 Jahren Online-Tätigkeit zur Frage der Erfahrungen: werden die Kontakte online häufiger oder seltener, wenden sich immer mehr Jugendliche an Euch, verteilen sich die Jugendlichen in verschiedenen Netzwerken, hat sich der Ansatz bewährt?
Insgesamt haben wir immer mehr Anfragen in den verschiedenen Kanälen, d.h. die Jugendlichen nutzen die Netzwerke, in denen sie präsent sind, auch gleich dafür. Es macht aus unserer Sicht keinen Sinn einen alternativen Kanal oder ein neues Netzwerk anzubieten - in der Hoffnung, Jugendliche dort anzusiedeln. Wir haben uns stattdessen angewöhnt, auf allen Kanälen präsent zu sein, die von Jugendlichen genutzt werden - und über Multi-Messenger auf dem Smartphone oder auch dem PC sind wir mit einem Klick auf allen Kanälen auf "Empfang". Wir bekommen Rückmeldungen, dass die Jugendlichen es viel angenehmer finden, uns per Chat anzuschreiben als zu telefonieren. Sie haben viel weniger Hemmungen und finden es weniger aufdringlich per Chat Hallo zu sagen und zu wissen, dass es mal 5 Minuten dauern kann, bis ich antworte. Sie sehen, dass ich online bin und wissen, dass sie mich anschreiben können. Natürlich kann der Chat als Beratungsangebot in Einzelfällen nicht ausreichen, dann verabreden wir uns persönlich oder längere Beratungszeiten.
Worin siehst Du die Nachteile dieser Form von Kommunikation? Sie braucht als textbasierter Austausch mehr Zeit und es wird ein einziges Thema angesprochen, während im direkten Kontakt über Bemerkungen oder Nebensätze mehr möglich ist.
Ich sehe fast nur Vorteile, aber es ist richtig: es ist umständlicher und es fehlen die non-verbalen Signale wie Mimik und Gestik. Die Vorteile überwiegen für mich aber: wenn etwas als Text formuliert werden muss, findet eine völlig andere Verarbeitung statt, als wenn es schnell in das Handy gesprochen wird. Es ist ein verbindlicherer Kontakt, wenn der formulierte Text vom Anderen auch verstanden werden soll, eine andere Sortierung im Kopf. Ein weiterer Vorteil ist es, den Chat zurückverfolgen zu können, Links oder Telefonnummer nachzuschauen, den Chat-Verlauf speichern und Entwicklungen aufzeigen oder Signale von Jugendlichen im zeitlichen Verlauf sehen zu können. Wir schauen auch besonders auf die Signale, wie sie von den Emoticons oder den Statusmeldungen ausgehen, d.h. wenn ein Jugendlicher z.B. per Symbol dauernd erklärt, er sei traurig, frage ich nach. Wir greifen ein solches Signal auf und öffnen damit einen Kanal, eine Möglichkeit für den Jugendlichen zur Kommunikation.
Ich bedanke mich bei Tilmann Pritzens für das ausführliche Gespräch! Der zweite Teil folgt!
Bernd Dörr
Links:
[3] Team Berlin-Marzahn auf jappy.de
[5] ICQ
[6] Fragen stellen zu Drogen & Spielen
[7] Tilmann Pritzens: Webwork als nützliche Ergänzung zur mobilen Jugendarbeit/Streetwork
[8] streetwwwork - WIKI über aufsuchende Arbeit im Netz
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http://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/
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Wie können Jugendliche in der digitalen Gesellschaft mehr mitgestalten? Welche Erfahrungen gibt es dazu bereits im In- und Ausland? Welche neuen Modelle eröffnen Jugendlichen bessere Beteiligungsmöglichkeiten? Diesen Fragen widmet sich das multilaterale Kooperationsprojekt „ePartizipation: Internationaler und nationaler Erfahrungsaustausch sowie Modellentwicklung für mehr Jugendbeteiligung in der digitalen Gesellschaft“, kurz „Youthpart“.