Roundtable zum Thema „Exzessive Mediennutzung“ am Berliner Lilienthal Gymnasium Teil 2


Teil Zwei – Wo beginnt das Problem?

 

 

 

Pauline Drewfs: Diese permanente Erreichbarkeit und die Überflutung mit Informationen und Eindrücken, ist das nicht auch eine Überforderung? Wie Herr Wenzlau gerade schon sagte, ein Stressfaktor?

 

Lutz Meinert: Die Kinder sind doch ohnehin permanent überfordert heutzutage, ich bin zum Beispiel nicht sicher, ob man ihnen mit der Einführung der zwölfjährigen Schulzeit einen Gefallen getan hat. Die haben heutzutage eine Vierzigstundenwoche! Dann kommt noch die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, die erwartet wird, und die Referate oben drauf. Abends flüchten sie sich dann zum Abschalten in die Medienwelt, was zur Folge hat, dass sie noch weniger mitkommen in der Schule. Ein Teufelskreis.

 

Philipp Wenzlau: Ja, ich finde dieses Zurückziehen in die flüchtige Medienwelt auch völlig nachvollziehbar, würde ich auch so machen. Es ist nur wichtig, dass es irgendwann auch Momente gibt, wo Schluss sein muss. Das man zum Beispiel gemeinsam mit der Familie zu Abend isst und da dann auch ein richtiger Austausch stattfindet, dass man sich aufmerksam zuhört.

 

Annekathrin Donath: Aber die Kinder stoßen doch bei den Eltern häufig auf völliges Unverständnis, wenn es um Computerspiele und den Computer allgemein geht. 

 

Nils: Na ja, ich will doch aber auch gar nicht mit meinen Eltern darüber sprechen! Meine Mutter kennt sich mit Facebook aus, das reicht.

 

Annekathrin Donath: Aber wer hat denn deiner Mutter Facebook beigebracht?

 

Nils: Schon ich, aber das will ja sie wissen, nicht ich will ihr das zeigen. Ich habe überhaupt kein Interesse daran, mit meiner Mutter zu besprechen, was heute wieder auf FB passiert ist.

 

Pauline Drewfs: Aber es ist doch wichtig, dass deine Eltern verstehen was du da machst. Die Eltern können ja gerade beim Spielen nur sinnvolle Regeln setzen, wenn sie wissen, was dahinter steckt. Dass man bei bestimmten Spielen zum Beispiel nicht sagen kann, noch fünf Minuten, dann ist Schluss. Sondern dass man erst einen bestimmten Spielstand erreichen muss, bevor man abspeichern kann.

 

Philipp Wenzlau: Da nehme ich aber klar die Spielhersteller in die Verantwortung. Früher wurde abgespeichert und fertig, heute geht das nicht mehr. Das ist doch absurd, da wird die Sucht ja vorprogrammiert!

 

Ulla Reichelt: Ich finde das wird immer etwas zu stark dramatisiert. Den Umgang mit Sucht hat es doch auch zu unserer Zeit schon gegeben, jede Jugend hat damit zu tun. Man probiert etwas aus, macht das zunächst vielleicht auch exzessiv und dann irgendwann nicht mehr. So ist doch der normale Verlauf.

 

Julian: Wie muss man denn da überhaupt unterscheiden, wann ist ein Verhalten exzessiv und wann spricht man von Sucht?

 

Tobias Miller: Darüber wird seit Jahren viel diskutiert und gestritten, der Begriff „exzessiv“ ist da auf jeden Fall etwas neutraler, als wenn man es Sucht nennt. Wie Frau Reichelt schon sagte – exzessive Phasen im Jugendalter sind ja nichts Ungewöhnliches. Meistens hört das irgendwann wieder auf und ist zunächst einmal nicht negativ zu bewerten. Die Frage ist eben immer, wie lange diese Phase andauert. Das macht es aber auch so schwierig, das Verhalten zu bewerten. Die Unterscheidung, ob es sich um ein temporäres Phänomen handelt oder nicht, denn der Übergang ist ja auch fließend.

 

Annekathrin Donath: Wie ist denn die Tendenz bei den Eltern betroffener Kinder, sind sie einfach machtlos oder erkennen sie das Problem vielleicht gar nicht an?

 

Ulla Reichelt: Bei den wirklich schwierigen Fällen wollen die Eltern das teilweise gar nicht sehen oder können es nicht, weil sie beruflich sehr eingespannt und die Kinder viel alleine sind. Und wenn sie das Problem sehen, wissen sie nicht, wie sie damit umgehen sollen.

 

Philipp Wenzlau: Und die Sache mit dem Powerknopf funktioniert ja administrativ auch nicht. Ich höre oft die Ausrede, jemand konnte die Hausaufgaben nicht machen, weil es Computerverbot gab. Und das oft recht weitläufig, für eine Woche oder mehr. Das ist natürlich nicht zielführend, aber die Eltern wissen sich nicht anders zu helfen.

 

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